Diese Ansage wird mir wohl mitunter am deutlichsten in Erinnerung bleiben. Mein Berlinbesuch (nach langen 4 Jahren) hat sich dieses Mal so anders als bisher gestaltet.
Couchsurfen, sehr viel Kaffee und Tee, unterschiedlichste Wohnungen von Innen, Erstaunen ob der Mietpreise, heimisch fühlen, Spaß beim Spieleabend, Gespräche (persönliches, gesellschaftskritisches, politisches, philosophisches …), Medizinhistorie
Sightseeing ist völlig an mir vorbeigegangen, genauso irgendwelche Feierexzesse oder das Nachtleben. Dafür war ich exzessiv mit der U-Bahn unterwegs und genoss die Tatsache dass sich wirklich kaum eine Sau für meine Tics interessiert hat. Mal abgesehen von wenigen Ausnahmen bin ich bisher in jeder Stadt, besonders im ÖPNV angegafft worden wie aus dem Panoptikum entlaufen.
Diesmal verschwinden selten.
Das erinnert mich daran dass es sich vor kurzem jährte dass ich meine Diagnose bekommen habe. Ganze 8 Jahre hat nun der Dämon einen Namen und Gesicht und im Zuge dieser Indetifizierung auch seinen Schrecken und seinen Einfluss auf mich verloren.
Zur Erklärung: Es handelt sich um die Symptomatik des Tourette-Syndrom. Erstmal manifestierte sie sich in Form von Kopfnicken, Schulterzucken und Kehlkopfgeräuschen im zarten Alter von 6 Jahren. Man kann fast sagen dass es sich aus heiterem Himmel einstellte. Freilig kann ich kein genaues Datum oder Ereignis nennen, doch ist mir heute noch überaus deutlich die Zeit in Erinnerung als ich selbst feststellen musste dass mit mir irgendwas nicht stimmt.
Meine Eltern verdrängten es zuerst, der Kinderarzt identifizierte es als eine Marotte die sich wieder „verwachsen“ würde wenn meine Mutter mich nur anständig erziehen würde. Ein Schuldiger war schnell gefunden: Iron Maiden!
Ich habe bereits damals entdeckt dass mir bestimmte Musik mehr zusagt als der übliche Käse der im Radio zu hören war. Und so wurde alles an harter Musik weggeschlossen und ein Erziehungsprogramm aufgelegt. Meine Eltern merkten jedoch schnell dass dies auf keinen Fall Wirkung zeigen würde, scheiterte das ganze doch vor allem auch an meinem extremen Dickschädel, der omnipräsenten Protesthaltung und der Tatsache dass ich lieber sämtliche Strafen aussitzen würde als etwas zu tun was mir gegen den Willen ging. Ich erinnere mich gerade an einen Nachmittag den ich vom Mittagessen bis zum Abendbrot am Küchentisch däumchendrehend verbracht habe nur weil ich mich geweigert habe das Mittagessen zu verzehren („Ofenschlupfer“ – Die absolut widerlichste Form eines süßen Auflaufs die man sich überhaupt vorstellen kann). Im Zuge dessen durfte ich mir natürlich häufig Vorhaltungen von anderen Kindern anhören die sich willfährig ihren Eltern untergeordnet haben, was sich bei mir kontraproduktiv ausgewirkt hat da ich danach erst recht nicht werden wollte wie die anderen, ich war ja schon so unterschiedlicher.
Also wurde alles wieder eingemottet, die Symptomatik wurde ignoriert, alles ging seinen üblichen Gang. Sämtliche von uns konsultierten Kinderpsychiater und -neurologen hatten nicht den blassesten Schimmer keine Ahnung und verzapften irgendeinen küchenpsychlogischen Käse eine Fehldiagnose nach der anderen nur um sich nicht eingestehen zu müssen dass sie ausnahmsweise mal die Fortbildung hätten besuchen sollen. Einmal war ich einfach schlecht erzogen (der Klassiker, jeder dritte echte ADHSler darf sich das regelmäßig anhören!), das andere Mal klammerte meine Mutter zu sehr, in der nächsten Diagnose wurde mir eine fehlende Vaterfigur attestiert und irgend ein übereifriger Christenjesus sah mich von Dämonen besessen (sic!!!) und empfahl innige Gebete zu Gott und vielleicht sogar ein Exorzismus. Manchmal frage ich mich wie Protestanten guten Gewissens behaupten können progressiver zu sein als Katholiken wenn in deren Reihen solche Hardliner unterwegs sind. Aber das ist ein anderes Thema.
Dann wurde es still, in der Schule wurde es sonderbarerweise von allen Mitschülern als nicht kontrollierbares Waszumgeierauchimmer akzeptiert und die Ticsymptomatik besserte sich sogar zwischenzeitlich. Allerdings nur um mit der beginnenden Pubertät umso härter zuzuschlagen!
Plötzlich wurde alles wichtig: Aussehen, Klamotten, die Wirkung in der Öffentlichkeit (insbesondere die Wirkung auf das andere Geschlecht!) wurden plötzlich wichtig und alles was nicht ins Raster passte wurde erbarmungslos ausgesiebt. Da ich da mit meinem Gezuckel (und der extremen Akne die ich zu meinem Glück auch noch hinzubekommen hatte) und meinen doch etwas eigenwilligen Ansichten von Gesellschaften, Politik, Miteinander und Kleidung (ich liebe bis zum heutigen Tage Schlaghosen und karierte Hemden ^^) nicht wirklich dazugehörte zog ich mich vollkommen zurück. In der Anonymität des Internets konnte ich aufblühen, hier lernte man ja zuerst andere Dinge des Gegenüber kennen bevor man ihn/sie zu Gesicht bekam. Es begann eine richtige Nerd-Zeit.
Man abonnierte die PC-Games, in der Pause stand man mit den anderen blass-pickelgesichtigen Gamern in einer Ecke und diskutierte über die neusten Entwicklungen im Bereich der 3d-Hardwarebeschleunigern, die neuste Engine (das bahnbrechende Unreal war damals grade rausgekommen) oder über Sinnhaftigkeit von Gamepads im Vergleich zur herkömmlichen Steuerung über Tastatur. Man spekulierte über die Zukunft von Intel die damals sehr überraschend extreme Konkurrenz von AMD bekamen und verabredete sich zu LAN-Parties für die wir uns extra einen eigenen LAN-Switch gekauft und uns ausgiebig mit der aufkommenden Netzwerktechnik beschäftigt hatten.
Tja wir waren Pioniere damals, bevor das ganze zu einem Massenevent für mittelmäßige Gelegenheitsspieler wurde. Wir machten uns in unserer Ecke lustig über die Gothics in der anderen Ecke, dabei waren wir gar nicht so verschieden.
Ich wäre vielleicht heute noch genauso hätte mich nicht ein Anstieg des Ticniveaus, der wohl durch die heftige Hormonausschüttung getriggert wurde, mitten in eine Krise manövriert. Mein sich ständig selbstbemitleidendes Ego wurde jäh aus der bittersüßen Melancholie gerissen. Ich wurde unausgeglichen und aggressiv und verkrachte mich mit nahezu allen meinen ehemaligen „Freunden“ die durch irgend eine Entwicklung die ich nicht mitbekommen habe plötzlich nicht mehr zu den Nerds sondern zu den prolligen Coolen gehörten. Mit dem was früher einmal war wollten sie nichts mehr zu tun haben, hierzu hab auch ich gehört. Der „Behindi“ oder „Hampelmann“.
Ich hab genau gehört was hinter meinem Rücken über mich erzählt wurde, die teils mitleidigen, teils höhnischen Blicke der holden Weiblichkeit genau gesehen ohne mich umzudrehen.
Ich wurde noch zurückgezogener und hab viele Kontakte saußen lassen, mich komplett in mein Schneckenhaus verzogen. In dieser Zeit hab ich viele der neurotischen und zwischenmenschlichen Störungen entwickelt unter denen ich heute noch leide. Andererseits bin ich in dieser Zeit auch gereift, ich habe mir gewünscht die Zeit vordrehen zu können und endlich aus diesem gottverlassenen Kaff in eine Stadt zu kommen in der ich die Lösung von allem sah. Mitten in dieser Entwicklung sah ich einen TV-Beitrag über ein Kind mit Tourette und da wurde mir klar dass ich vieles ändern musste.
Ich wandte mich an einen Arzt mit konkretem Anliegen und erhielt genau die Hinweise auf kompetente Fachärzte die ich benötigte (seitdem gehe ich niemals mehr um Arzt ohne mich vorher eingehend über meinen Verdacht zu informieren). Et voilà: Ich erhielt nach einigen Tests, Gesprächen und Begutachtungen endlich meine Diagnose
Tourette-Syndrom!
Endlich hatte der „Dämon“ einen Namen, ein Gesicht. Ich konnte mich informieren darüber, ich hatte konkrete Hinweise auf Symptomatik, es passte einfach alles zusammen. Das wichtigste allerdings: Es gab Medikament um ihn in die Knie zu zwingen. Diese Medikamente waren zwar keine Patentlösungen, jedoch ermöglichten sie mir einen leichteren Einstieg in den Umgang mit Tourette.
Seit diesem Tag hat sich mein Leben grundlegend geändert … aber das ist eine andere Geschichte.