„Ich hab was riskiert und bin dabei in gewissem Maße auf die Schnauze gefallen, selbsterfüllende Prophezeiung sozusagen“
Nachdem ich meinen letzten Eintrag geschrieben habe bevor ich Deutschland in Richtung Norwegen verlassen habe erscheint es mir nur folgerichtig den nächsten Eintrag zu schreiben bevor ich Norwegen wieder in Richtung Deutschland verlasse. 9 Monate voller Arbeit und Ausnutzung liegen jetzt hinter mir, mein Eindruck von Norwegen ist, gelinde ausgedrückt, beschissen! Was vor allem an der Arbeitsmoral im Camphill und der bei den Vorgesetzten vorherrschenden Meinung über freiwillige junge Mitarbeiter liegt. In dem Moment in dem man sich zum freiwilligen, nicht finanziell motivierte Einsatz verpflichtet gibt man in deren Augen angeblich seine Selbständigkeit auf und wird zum selbstlosen Diener der gefälligst dankbar zu sein hat dafür dass er ein Dach über dem Kopf hat und schlechtes norwegisch lernen darf.
Ich sags mal so: Ich habs chon weitaus mehr und unter höherem Stress gearbeitet aber die Tatsache wie hier die Arbeit von Freiwilligen (ohne die wohlgemerkt der ganze Laden NICHT finanzierbar wäre!!!!) umgegangen wird und in welchem Maße ihnen Ausgleich und Erholung angerechnet wird ist unter aller Sau, weswegen ich jedem nur zu anderen Programmen und nicht zur Arbeit in einem Camphill raten kann. Ich war jetzt 9 Monate hier, war auf keinem einzigen Seminar und hab so gut wie nix von Norwegen gesehen (mal abgesehen von der Woche Theater im Gudbrandsdal die aber mit 24h-Betreuung einherging). Ist das der Sinn? Schafft man sich so Freunde und Anhänger? Gibt das gutes Karma wenn man Schulabgänger, Abenteuerlustige und Entwurzelte so verheizt und ausnutzt?
Ich glaube nicht! Aber das müssen die Personen mit sich ausmachen, besonders die eine die selbst nicht in dieses Gefüge passt und durch ihre Umformungsversuche zu ihren gunsten alles nur noch unerträglicher macht.
Was habe ich hier gelernt?
Egoismus ist nützlich! Teilen und mitfühlen führt zu Benachteiligung. Eine bestimmte Person hat mir hier gezeigt dass es auch möglich ist in einer Lebensgemeinschaft treiben zu können was man will solange die anderen nachgeben weil sie keine Lust mehr haben Ausraster zu ertragen.
Überhaupt ist es ziemlich einfach sich als Mitarbeiter einer sozialen Einrichtung die ein ungesundes Beschäftigungsmodell betreibt zu einer moralischen Instanz zu stilisieren, weil nur selten hinter die Kulissen gesehen wird. Da unterscheidet sich dieses Land von keinem anderen: Solange jemand diesen Job macht wird er nicht kritisiert weil alle froh sind dass es jemand macht auch wenn er noch so unqualifiziert ist (sowohl fachlich als auch menschlich).
Ich habe gelernt dass die Ansicht „Pflegen kann jeder“ noch sehr weit verbreitet ist, auch in einem angeblich aufgeklärten Land wie Norwegen scheint die Emanzipation und Qualitätsmanagment noch nicht in alle Strukturen gedrungen zu sein. Solange das so bleibt wird sich in diesem Laden auch nichts ändern. Dies führte auch zu der Einsicht dass man in festgefahrenen Strukturen nur unter extremen Widerständen etwas verändern kann um etwas mehr Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen. Entweder man kämpft gegen Windmühlen oder man akzeptiert, geht und versucht andere davor zu warnen den gleichen Fehler zu machen. Es gilt der selbe Grundsatz wie in der Behandlung von Krankeiten: Die Einsicht muss von einem selbst kommen, sonst ist alles weggeworfene Zeit.
Was nehme ich mit nach Hause?
Meine Gesundheit liegt vermöbelt auf dem Boden, ich habe ein Ticniveau wie zuletzt in meiner Pubertät und ich bin ziemlich enttäuscht von einem Land und einer Einrichtung die mich unauch meine Beziehung beinahe ruiniert hätte. Vielleicht bin ich nicht so stark wie ich immer geglaubt habe vielleicht liegts auch daran dass ich mich diesmal nicht ausschließlich um mich selbst kümmern konnte, die Energie also teilen musste. Teilen, wie alles hier. Ich werde eine Weile brauchen bis das Wort Teilen in mir keine verabscheuenden Gefühle mehr hervorruft.
Ich fühle mich durchgehend leer, es tut weh sich von dem Land hier verabschieden zu müssen aber andererseits benötige ich jetzt eine vertraute Umgebung um alles in meinem Leben von Grund auf neu zu überdenken …
Inzwischen ein paar Erinnerungen … eben was übrig bleibt ....